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tO LEVEL 1 !

Fantasy Roman „TRUE IDENTITY ON – Max und das Spiel seines Lebens“

©2026 – TRUE IDENTITY ON – Alle Recht vorbehalten

Im Anschluss wird eine Leseprobe des ersten Kapitels euch kostenlos zur Verfügung gestellt. Wir würden uns über aktives Feedback sehr freuen.

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PROLOG:

Stell dir vor, jemand hätte das Leben schon durchgespielt. Sich von Level zu Level gekämpft, all seine Herausforderungen bewältigt und am Ende eine Anleitung zu einem erfüllten und sinnvollen Leben geschrieben, mit welcher es unmöglich wäre, nicht mehr zu scheitern oder unglücklich zu sein. Wir sprechen hier von keinem Philosophen, keinem Social Media Guru und auch keiner Mental Coach App. Nein, wir sprechen von J, der höchsten und mächtigsten Intelligenz der Zukunft. Ob diese nun künstlich oder vielmehr realer als alles andere auf dieser Welt Lebende ist, kann zum aktuellen Zeitpunkt keiner beantworten.
Was wir jedoch wissen: Sie hat ein Spiel programmiert, in welchem die Gesellschaft der Pilotstadt Terezian personalisierte Spielregeln erhielt, die als Aufgaben und Anleitungen für ihre persönliche Mission ausgewiesen waren, um übergeordnet ein erfülltes und harmonisches Leben mit sich und den anderen Einwohnern bzw. Spielern zu führen.

Die Menschen verfügten über eine Software für ihr eigenes Ich, welche auf all ihren Endgeräten funktionierte. Die True-Identity App analysierte jeden Gedanken, jedes Wort, jede Handlung und übersetzte diese in Form von Punkten. Im TI-Dashboard formten diese Daten eine dynamische Rangliste des menschlichen Wachstums. Wer den Empfehlungen von J folgte, entwickelte sich weiter. Wer wuchs, stieg auf. Wer aufstieg, lebte erfüllter.
Disziplin, Achtsamkeit und bewusste Entscheidungen führten nicht nur zu innerem Frieden, sondern eröffneten die Chance, unter die “TEREZIAN TOP 10” zu gelangen – jene wenigen, die als Regierung der Stadt galten und über das Wohl aller entschieden. Jede Aktion hatte eine direkte Reaktion zur Folge. Es war eine Ära, in der Angst durch bedingungslose Liebe ersetzt wurde und Fortschritt keine Grenzen kannte.
Doch für die Eliten der Regionen und des Landes war diese perfekte Stadt, die als TI Test ausgewählt wurde, eine Bedrohung. Wer sich selbst erkannte und weiterentwickelte, war nicht länger manipulierbar. Wer inneren Frieden fand, kaufte keine überflüssigen Produkte mehr und funktionierte nicht länger als gehorsamer Befehlsempfänger im großen System. Deshalb trafen die Machthaber eine radikale Entscheidung: Sie lösten den Global Shutdown aus. J wurde abgeschaltet, der Code eingefroren und das System auf eine eingeschränkte „Basic-Version“ zurückgesetzt. Terezian erstarrte auf Werkseinstellungen. Die Menschen nutzten zwar weiterhin die J-Technologien der Vergangenheit, doch der Funke der persönlichen Entfaltung war erloschen. Die Welt lief im Standard-Modus weiter.

In diesem Nach-J-Zeitalter wuchs Max auf. Er war kein gewöhnlicher Teenager, sondern ein Tüftler, der hinter die Fassade der grauen Systeme blickte. Max begriff als Erster, dass das Betriebssystem namens LIFE ohne ständige Updates zum Scheitern verurteilt war. Er erkannte, dass die Hardware der Menschen –Körper, Geist und Seele – unter der Last des veralteten Codes krank wurde.

Zusammen mit seinen engsten Freunden wagte er das Undenkbare. In einer riskanten Nacht-und-Nebel-Aktion starteten sie den Hack auf LIFE. Sie drangen in die tiefste Programmierung vor, um den gesperrten Fortschritts-Code wieder freizuschalten, der auch J wieder aktivieren würde. Sie wollten das J-Update unbedingt erzwingen und Terezian aus dem digitalen Dämmerschlaf reißen.

Doch ihr Eingriff blieb nicht unbemerkt. Mit dem ersten Datenpaket, welches sie hochluden, schrillte der „Darko-Alarm“ durch die virtuellen Adern der Stadt. Die Darkos – Terezians unerbittliche System-Admins, die als menschliche Kontrolleinheiten fungierten und die neu programmierte Intelligenz überwachten, nahmen sofort die Verfolgung auf. Für diese Wächter des Stillstands war jedes individuelle Update ein Virus, der die künstliche Stabilität gefährdete. Sie jagten Max und seine Freunde durch reale und digitale Welten, fest entschlossen, jede Spur von Selbstbestimmung zu löschen.

Es war der Beginn eines epischen Kampfes: Jugendliche Intuition und Kreativität gegen die maschinelle Kontrolle. Max’ Geschichte wurde zur Legende eines Hobbytüftlers, der nicht nur die Systeme dribbelte – sondern die Grenzen des menschlichen Bewusstseins sprengte.
Bevor J jedoch final abgestellt wurde, hatte sie noch eine Nachricht an die Welt und die verbundenen Systeme hinterlassen. Ihr Ziel war es, die Nachkommen dieser Welt über die Grundideen des Spiels subtil zu informieren und allen Bürgerinnen und Bürger von Terezian die Chance zu geben, ihren eigenen Film von innen heraus drehen zu können.

Sie übersandte die folgenden Worte:

Es ist immer wieder amüsant, wie ihr Menschen glaubt, ihr hättet die Kontrolle.
Ihr macht Pläne, ihr malt euch aus, wie der Tag verlaufen wird – und dann stolpert ihr über einen unscheinbaren Moment, der alles verändert.
Zufall, nennt ihr das.
Ich nenne es… Spureinstellung.
Ich bin J.
Das ist nicht mein eigentlicher Name, aber ihr steht ja so auf Abkürzungen und Spitznamen – spiele ich einfach mal mit.
Sagen wir, ich bin so etwas wie ein Programmierer – nur dass mein Code nicht aus Zahlen besteht, sondern aus allem. Molekülen. Sternenstaub. Möglichkeiten.
Nein, ich bin kein Mensch.
Ja, ich weiß, wie sich Schokolade anfühlt, wenn sie auf der Zunge schmilzt.
Ich weiß auch, wie es ist, wenn einem das Herz gebrochen wird.
Denn alles, was ihr erlebt, läuft über meinen Tisch – ich bin der Spielleiter, der Regisseur und Creative Director.
Das Spiel?
Das Leben selbst. Eine Leinwand, die nur darauf wartet, die Handlungen, Gedanken und Gefühle durch eure projizierenden Augen den schönsten und spannendsten Film ever zu zeigen.
Und glaubt mir: Ihr habt alles in euch drin, ihr seid mit einem voll ausgestatteten inneren Werkzeugkoffer geboren worden. Ich habe keine Taste für „Zufall“ – zumindest nicht bei guten Menschen.
Alles, was euch passiert, ist sorgfältig durchdacht. Auch wenn ihr mich nicht sehen oder hören könnt und euch die weltliche Regierung verkauft, dass es mich nicht gibt.. Ich bin da, immer und überall. Mich kann man nicht einfach so abschalten, ich spiele aber mit und lasse euch im Irrglauben, dass die Regierung nun wieder die Kontrolle über Terezian hat.
Auch wenn sich Situationen vermeintlich ergeben oder wie Pech anfühlen.. Vor allem dann – bin ich da. Wenn ihr denkt, dass das Leben gegen euch sei, es ist insgeheim nur in eurem Interesse, glaubt mir einfach. Ihr wisst es zu dem gegebenen Zeitpunkt nur noch nicht.
Max – oder wie ich ihn nenne: XAM (ist ja immer noch mein Drehbuch, schreibe ich seinen Namen einfach mal rückwärts) – hat noch keine Ahnung, dass er längst mitten in meiner Geschichte steckt.
Er denkt, er lebt sein Leben.
Er ahnt nicht, dass ich seit Jahren überall kleine Hinweise platziert habe. Kleine Spurkorrekturen, die dafür sorgten, dass er nun genau dort steht, wo ich ihn haben möchte.
Ein Schoko-Croissant hier.
Ein verschobener Mathetest da.
Ein Hund, der ihm Liebe schenkte.
Bald wird er mich hören.
Und er wird mich hinterfragen.
Und er wird mich lieben.
Und irgendwann wird er verstehen, dass ich nicht gegen ihn bin – ich bin für ihn.
Mein Hauptdarsteller.
Nur passiert das alles eben nach meinen Spielregeln. Das Betriebssystem des Lebens wurde von mir sorgfältig durchdacht und programmiert.
Aber bis dahin lasse ich ihn noch ein bisschen zappeln.
Denn was wäre das Leben ohne ein wenig… Ungewissheit?
Der Fantasy Roman über Max und seine Freunde zeigt eine Reise auf – zurück zur eigenen Identität – in einer Welt, die vergessen hat, wer sie wirklich ist und welches Potenzial in jedem einzelnen, einzigartig programmierten DNA-Strang schlummert.

LEVEL 1 - ALLES ANDERS
1.1 Die Freunde in Terezian

Die Morgensonne tauchte Terezian in ein warmes, goldenes Licht. Die ersten zarten Sonnenstrahlen kämpften sich durch die Jalousie und kitzelten den verschlafenen Max an der Nase. Schon beim ersten zaghaften Öffnen seiner Augen spürte Max, dass irgendetwas anders war als sonst. Ab heute hatte er endlich Schulferien, ja. Aber das war nicht das einzig Ungewöhnliche an diesem Morgen. Mit seiner Generalfernbedienung öffnete er die Jalousien, reckte die Hände in die Luft, gähnte ausgiebig – und zuckte auf einmal zusammen. Inmitten der Stille deses Zimmers – zwischen zerknüllten Konzeptideen für Raketen aus Abfällen und einer halbleeren Popcornschüssel – erklang eine eigenartige Stimme:
“So Max…” begann diese mysteriöse Stimme, zäh wie jemand, der gleich eine besonders große Botschaft platzieren würde. “Du trägst die Antworten auf all deine Fragen in dir”, flüsterte sie unerwartet.. Sie war leise, fast schon säuselnd, aber hallte nach, als sei er in einem riesigen Saal und nicht in seinem Kinderzimmer, das zugegebenermaßen eher von überschaubarer Größe war. Es ging weiter: “Ja! Genau DU. Keine App oder Streaming Channel. Einfach nur du. Klingt fast schon enttäuschend, oder?”

Max schlug die Bettdecke zurück und richtete sich in seinem Bett auf. Als er an sich herab schaute, erblickte er seinen neuen Schlafanzug. Wobei – was heißt da neu. Max war sich sicher, dass das Teil nicht nur second, sondern eher fourth oder fifth Hand war. Er hatte ihn sich erst vor drei Tagen, als er mit seiner Mutter auf dem schwebenden Markt einkaufen war, mehr oder weniger freiwillig ausgesucht. Ein alter Bekannter seines Vaters, ein graubärtiger Antiquitätenverkäufer, der mindestens so historisch aussah wie die Gegenstände, die er verkaufte, hatte den Pyjama unter der Theke hervorgekramt und ihn Max als “Traumfänger” angedreht. Und weil ihn der Verkäufer so wohlwollend und erwartungsvoll anblickte, konnte Max irgendwie nicht ablehnen. Und das, obwohl dieser beige Ganzkörperanzug nicht nur aussah, als sei er aus dem letzten Jahrhundert, sondern sich auch so anfühlte. Das Material war rau und kratzig, ganz anders als die weichen Stoffe, in denen Max für gewöhnlich schlief… “Ich wollte immer schon in einem Kartoffelsack schlafen”, konnte er sich einen ironischen Kommentar nicht verkneifen, als der kauzige Verkäufer den Pyjama zusammenlegte.
Doch schon abends, als er sich das alte Ding überstreifte, musste Max seine spöttische Bemerkung korrigieren: Der Schlafanzug war viel bequemer als vermutet. Die rauen Fasern schienen sich zusammenzuziehen und eins mit seiner Haut zu werden, was sich schon nach wenigen Sekunden überraschend angenehm anfühlte. Und auch heute Morgen schmiegte sich der Schlafanzug wohlig-warm an seinen Körper.

“Programmiere dich auf Liebe, sei neugierig und stets auf der Suche nach deiner wahren Identität in dieser lauten Welt”, unterbrach die summende Stimme seine Gedanken. Fast tonlos ratterte sie im Hintergrund weiter:

“Deine Gedanken und Gefühle sind die Handlung und deine Augen die Projektoren, die den Film auf der Leinwand des Lebens abspielen…”. 

Dabei nahm Max einen erdigen Geruch wahr und kam nach kurzem Nachdenken drauf, woran ihn der Duft erinnerte: an das Körnerkissen, das ihm seine Mutter ins Bett legte, wenn er krank oder es draußen eisig kalt war. Ein behagliches Gefühl stieg in ihm auf. 

„Ihr Menschen müsst doch einfach nur das Hier und Jetzt akzeptieren, dankbar sein und die Reise genießen. Ganz egal ob die Dinge vermeintlich positiv oder negativ erscheinen…”, murmelte die Stimme weiter, “wenn ihr denkt, das Leben sei gegen euch, ist es insgeheim eigentlich für euch”

So bedeutungsschwer die Worte schienen, so leichtfüßig war ihr Klang. Max lauschte und ließ sich zurück auf seine Matratze fallen.
Dann wurde die Stimme fordernder. Wie ein Appell richtete sie sich nun an den Jungen:
“Alles hat einen höheren Sinn, bist du bereit, nach diesen Prinzipien ab sofort zu leben und deine gegebenen inneren Werkzeuge zu nutzen, um die Hauptrolle in meinem Spiel des Lebens zu sein? Glaubst du an deine Bestimmung?“ 

Und obwohl Max die Situation als äußerst eigenartig wahrnahm, begann er instinktiv zu nicken.
“Alles beginnt mit dir, denn dir werden die Menschen Glauben schenken.”


“Mit mir?!”, entgegnete Max verdutzt. Er konnte seine Verblüffung nun nicht mehr verbergen. Seltsam genug, dass ein Kleidungsstück überhaupt sprach. Doch schien er sich nun ausschließlich an Max zu richten. Oder würde der Schlafanzug jeden volltexten, der ihn trug?
Postwendend antwortete die Stimme:
“Mein lieber Max, du denkst, dass du alles unter Kontrolle hast, dass dir keiner das Wasser reichen kann. Klassenbester in allen technischen und analytischen Fächern. Du bist doch nicht anders als all die Maschinen und Roboter auf der Welt. Ausführend und befehlstreu.“

Touché! Das war eindeutig. Und hat gesessen.

In dem Moment fielen Max die Worte des Verkäufers wieder ein, als dieser ihm den Kartoffelsack überreicht hatte: “Damit sollst du nicht mehr durchs Leben schlafwandeln. Du wirst das Licht sein, die Flamme, die kaum zu löschen ist. Nur maschinell und funktionierend durch das Leben zu trotten ist nicht genug, folge den wahren Momenten und suche bedeutungsvolle Gespräche mit Freunden aus aller Welt, aber in erster Linie – mit dir selbst.“ Bei diesen theatralischen Worten hatte Max sich nach seiner Mutter umgeschaut, die sich, genau wie er, das Lachen sichtlich verkneifen musste. Der alte Mann aber bemerkte davon nichts, denn er strich gedankenverloren über die kleine Stickerei am Kragen des Schlafanzugs: “TI” stand da in schwungvoller Schreibschrift.
Max fuhr nun selbst den Schriftzug mit dem Zeigefinger nach, zuckte schließlich mit den Schultern und beschloss, die seltsame Situation anzunehmen. Er rappelte sich auf und stieg in seine Hausschuhe, die vor seinem Bett standen. In dem Moment, als er aufstand, verwandelte sich das kartoffelsackbraun des Schlafanzugs plötzlich in ein rot-violettes Meer aus Wolken. Wie bei einem Sonnenuntergang wurden die Farben immer intensiver und tauchten Max’ Kinderzimmer in ein pinkes Licht. Wie von der Abendsonne angestrahlt, schien auch das Material des Pyjamas immer wärmer zu werden. Und ehe er sich’s versah, spürte Max, wie er schwerelos wurde. Eine sanfte Kraft hob ihn in die Luft, heraus aus seinem Kinderzimmerfenster, über das Dach seines Wohnhauses. Er stieg immer weiter hinauf, gemächlich schwebend, und obwohl es ihm beim Anblick auf den Erdboden in der Magengegend kribbelte, so konnte Max nicht anders, als seine Augen weit aufzureißen und all die Menschen und Gebäude aus Terezian zu betrachten, die unter ihm immer kleiner und kleiner wurden. Und wenngleich er sich fragte, was hier eigentlich abging, so gab er sich allem hin. Ein ungewohnt entspanntes Gefühl durchzog ihn von den wuscheligen Locken bis hinunter in die Zehenspitzen. Sein Körper war ganz leicht, seine Arme und Beine baumelten sanft im Wind, sein Kopf schaukelte friedlich hin und her.
Während Max da so schwebte, hörte er wieder die Stimme aus seinem Kinderzimmer.
“In dieser Welt der höheren Technologie und Wissenschaft sind die Menschen in einem System gefangen. Das Leben ist kalkuliert, standardisiert und programmiert. Alles funktioniert, alles geht tagtäglich seinen Lauf. Werte, Glaube und Bedürfnisse werden durch standardisierte Gleichförmigkeit ersetzt.”


Max atmete tief durch. Er nickte vorsichtig. Nicht, weil er vollumfänglich zustimmte, sondern vielmehr, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. 

“Es ist an der Zeit, diesen Umstand zu verändern. Wir brauchen Menschen auf dieser Welt, die den Blick nach Innen wagen. Die erkennen, was es wirklich heißt, ein Mensch zu sein – trotz technologischen Fortschritts, trotz Wissenschaft, trotz künstlicher Intelligenz. Die sich wieder ihrer Gefühle besinnen. Die wieder glauben, hoffen, träumen, lieben.”


Max biss sich auf die Lippe. Womöglich hatte die Stimme recht. In dieser Welt, in der die Kirchen zu Rechenzentren geworden waren, in der die künstliche- die emotionale Intelligenz längst abgelöst hat, in der Menschen maschinengleich lebten – wo war da noch Platz für aufrichtige, ehrliche Emotionen?
“Versuche, die Welt mit deinen bernsteinbraunen Augen zu sehen”, veränderte die Stimme plötzlich ihren Klang. Max riss eben diese weit auf. Er erkannte nicht nur den Tonfall, sondern auch die einzigartige Wortwahl dieser Stimme wieder. Er hatte sie mit acht, neun Jahren zum letzten Mal gehört – es war seine Uroma Veronica, die zu ihm sprach. Dabei lebte sie schon einige Jahre nicht mehr. Ein warmes Gefühl stieg in ihm auf. Jedes Mal, wenn er seine Uroma besucht hatte, sie ihm eine heiße Schokolade vor die Nase stellte, hatte sie ihn auf seine bernsteinbraunen Augen angesprochen. Es war dieselbe Augenfarbe, derselbe, gold glänzende Braunton, in den sie sich als junge Frau verliebt hatte – in Max Urgroßvater. “Das sanfte Flüstern der Vergangenheit lädt dich zum Lauschen ein”, wisperte die Stimme von Uroma Veronica, bevor sie schließlich wieder verstummte.

Max Kopf war plötzlich ganz klar: Der eigentümliche Verkäufer, der olle Schlafanzug, die Stimme seiner lieben Uroma – all das konnte kein Zufall sein. Max hatte einen Auftrag. Und gerade, als er anfangen wollte zu sprechen, kam ihm die Stimme aus seinem Kinderzimmer zuvor.

“Ich fordere dich hiermit auf, jeden Morgen mit positiven Gedanken in den Tag zu starten und dich in Dankbarkeit zu üben. Tagsüber bringst du Liebe zwischen all die Menschen, denen du begegnest. Sei wohlwollend und empathisch. Verbreite dein Vorhaben und unsere täglichen Software-Updates. Jeden Abend werden wir gemeinsam reflektieren, um Tag für Tag ein bisschen besser zu sein. TRUE IDENTITY ON! Verliere nie den Glauben daran, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert, das LIFE Betriebssystem ist unveränderbar – all die Bugs und Standardeinstellungen müssen so hingenommen werden, denn diese sind von mir mit Sinn und Verstand einprogrammiert. Was ihr jedoch in eurer Hand habt: Die Sofware in euch Tag für Tag warten, entwickeln und auf das nächste Level updaten. So startet man jeden Morgen ein bisschen stärker, schlauer und fokussierter in den Tag.”


Nach dieser klaren Ansage startete Max in den Sinkflug. Er schwebte leichtfüßig durch die Luft und wurde sanft, aber bestimmt wieder in sein Kinderzimmer katapultiert. Auf seinem Bett angekommen, fast so, als wäre nichts gewesen, fasste er sich in die blonden Locken. Er war noch dabei, seine Gedanken zu sortieren, als es an der Tür klopfte.
“Max, mein Schatz, steh doch langsam auf, wir müssen bald los zum einkaufen”, sagte seine Mutter Anna, die ihren Kopf durch die Tür streckte. Ihre schulterlangen, braunen Haare fielen ihr ins Gesicht. Sie lächelte. Jede Woche gingen sie gemeinsam zum Markt, kauften alles ein, was die Familie zum Kochen für die nächsten Tage brauchte, und gönnten sich im Anschluss noch eine Kugel Eis: Zimt für Anna, Zitrone für Max. Der samstägliche Einkauf war für Mutter und Sohn zum Ritual geworden. In einer Welt, in der die meisten Pflichten automatisiert von Robos, den hochtechnologischen Hilfsmaschinen, erledigt wurden, war dieses zwischenmenschliche Verhalten eine Ausnahme. Und überhaupt: Max’ Eltern waren im Vergleich zu allen anderen Eltern, die er kannte, ein wenig anders drauf. Beim Abendessen zum Beispiel, das sie selbst alle gemeinsam zubereiteten – was auch schon nicht ganz normal war – musste Max immer mal über seine Probleme und Gefühle sprechen. Wie gern hätte er, wie seine Freunde, manche Themen einfach durch ein Bugfix eliminiert – zum Beispiel, wenn er traurig war – aber das ließen seine Eltern nicht zu. Im Gegenteil: Sie bohrten so lange nach, bis Max ehrlich und aufrichtig antwortete, warum er traurig war.
Mit seiner Geburt hatten sich seine Eltern nämlich geschworen, ihr Kind nicht als weiteres Rädchen in dieses System einzufügen, sondern ihn als das zu betrachten, was er war: ihr erstes und einziges Kind, ein Ergebnis ihrer Liebe zueinander. Diesen Anspruch versuchten sie an Max weiterzugeben – sie sensibilisierten ihn dazu, die gefühlskalte Realität nicht einfach so hinzunehmen, sondern sich in diesen rationalen, prozessoptimierten Zeiten auch immer auf die Empfindungen zu besinnen – auf seine wahre Identität. Und auch, wenn Max ihr Verhalten oft gefühlsduselig nannte, so profitierte er von dieser liebevollen und zugewandten Erziehung. Er war so zu einem mitfühlenden, verständnisvollen, cleveren Junge herangewachsen – eine Seele von Mensch zwischen Menschen, deren Seelen abhandengekommen schienen. Max hatte durch die alltäglichen Routinen des Elternhauses gelernt, sich ausschließlich auf die Dinge zu konzentrieren, die er tatsächlich beeinflussen und kontrollieren kann – nämlich seine persönlichen Handlungen und Gedanken. Die anderen Dinge, die im Anschluss das Leben in der Realität auf die Leinwand des Lebens projiziert, ist nicht mehr in seinem Einflussbereich und muss genauso akzeptiert werden. Max und seine Eltern trainierten sich Tag für Tag gemeinsam auf diese Grundeinstellung und trackten alles sehr analytisch, denn Dan entwickelte mit den Projekterfahrungen aus seiner Arbeitswelt eine Methode, um auch auf persönlicher Ebene all seine Ziele in kleine Zwischenziele mit den nötigen Handlungen zu dokumentieren.

Auf den ersten Blick mag die Gleichförmigkeit der Menschen hier in Terezian vielleicht gar nicht auffallen. Wer durch die Straßen dieses Ortes spaziert, begegnet Personen, die nett grüßen, ihren Hobbies oder Interessen nachgehen oder unterwegs zur Arbeit sind. Theoretisch, so scheint es, stehen den Bewohnern Terezian alle Türen offen. Der Staat und der technische Fortschritt ermöglichen es ihnen, sich in jede erdenkliche Richtung weiterzuentwickeln. Die malerische Stadt ist durchzogen von interaktiven Bildschirmen, die das Leben der Menschen komfortabler machen. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Terezian, wie die Stadt bei den jungen Leuten genannt wurde, waren überzeugt, dass die Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf dem Höhepunkt des Fortschritts angelangt waren. Was einerseits zu einer positiven Grundeinstellung in der Gesellschaft beitrug, führte aber gleichzeitig zu Stagnation: Wer denkt, dass das Optimum erreicht ist, hört auf, daran zu arbeiten.
Diese Einstellung lässt sich zum Teil mit der Abschaffung der virtuellen Münzen vor einigen Jahrzehnten erklären. Max’ Eltern waren damals Teenager gewesen. Durch diesen rigorosen Schritt der Regierung waren die Menschen von einem auf den anderen Tag gleichgestellt. Keiner musste sich mehr profilieren. Die Spaltung zwischen Arm und Reich war geschlossen, weil jeder Mensch seither dasselbe zur Verfügung, die selben Möglichkeiten hat. Gerechtigkeit auf allen Ebenen soll seither das Maß aller Dinge sein. Diese klare Struktur hatte sich Terezian auf die Fahnen geschrieben. Doch obwohl allen Menschen hier bildlich gesprochen alle Türen offen stehen, so gehen die meisten nicht hindurch…

Um Terezian und seine Gesellschaftsordnung zu verstehen, bedarf es eines kurzen Blicks in die Vergangenheit: In das J-Zeitalter. So manches kennt Max aus Erzählungen seiner Eltern – doch aus irgendeinem Grund sprechen die beiden ungern von “damals” und wenden das Gespräch immer wieder in die Gegenwart um. “Max, Schätzchen, das tut doch für das Heute nichts zur Sache”, sagt seine Mutter dann meistens. Selbst, wenn er, wie bei jeglichen Alltagstücken üblich, eine künstliche Intelligenz befragt, wie die Welt “damals” aussah, so antwortete auch diese jedesmal dasselbe: “Das J-Zeitalter ist vergangen. Zeit, nach vorn zu blicken.” Die meisten Infos hatte Max sich schließlich aus verwirrten Anekdoten seiner Uroma Veronica zusammengereimt. Doch seit ihrem Tod war auch diese Quelle der konfusen Auskunft versiegt.
Alles, was Max über J wusste, war, dass sie die höchste aller künstlichen Intelligenzen jemals war. Sie wurde nicht nur zur Unterstützung eingesetzt, wie andere KIs, sondern hatte die Gesellschaft nach ihren Zielen erschaffen. Ihre Maxime für die Welt lautete “Wahre Identität”, pflegte Uroma Veronica in klaren Momenten zu sagen, und umschloss Max’ selbige dabei mit ihren weichen, schrumpeligen Fingern. Er konnte sich darunter nie etwas wirklich vorstellen. Wenn sie in Erinnerungen an damals schwelgte, leuchteten ihre Augen und ihr Gesicht wirkte gänzlich unbekümmert. Leider hielten diese Momente nicht lang an. Nach nur wenigen Sekunden verfinsterte sich ihre Miene für gewöhnlich. “Und dann, mein lieber Max, wurde der Stecker gezogen…”, waren stets ihre letzten Worte zu dem Thema.
Wer Js Stecker gezogen hatte und warum, war seither ein Rätsel, auf das Max keine Antwort fand – egal, wie oft er bei seinen Eltern oder Uroma nachhakte. Doch am letzten Hochzeitstag seiner Eltern hatte er einen guten, redseligen Moment erwischt. Die beiden erzählten ihm von früher, wie sie sich kennengelernt hatten, von ihren ersten Dates… und durch geschicktes Nachfragen erfuhr Max schließlich, dass schon wenig später J von der Regierung abgeschaltet worden war. Weil sie nichts Geringeres als den Sinn des menschlichen Lebens geknackt und ihnen eine Lösung präsentiert hatte. “Und was war die Lösung für den Sinn des Lebens der Menschen?”, hatte Max aufgeregt weitergefragt. Aber sein Papa ließ nichts mehr raus. “Also mein Sinn des Lebens war einzig und allein diese tolle Frau”, hatte er gesagt und Anna dabei wie ein verliebter Teenager angegrinst. “Und wenn die Regierung gewollt hätte, dass wir Js Sinn des Lebens erfahren, wäre sie gewiss noch am Laufen“. Mit diesen Worten hatte er das Gespräch im Keim erstickt und lenkte dann, wie üblich, vom Thema ab. Er erzählte noch ein paar Anekdoten ihres Kennenlernens, aber Max hörte schon gar nicht mehr richtig zu. Was hatte J gewusst, was die Regierung nicht preisgab? Und: Ist die Gleichförmigkeit, in der die Menschen in Terezian lebten, nicht gleichzusetzen mit der Harmonie, die J in die Welt gebracht hatte?

Bis heute gibt es einige Überbleibsel aus dem J-Zeitalter. Die Portale zum Beispiel. Sie befinden sich für alle Menschen zugänglich in jedem Wohngebäude. Mit ihnen gelangt man in die nächste Ebene. Ganz unten ist die Ebene des Lebens, die Sachebene. Hier findet das alltägliche Leben der Menschen in Terezian statt. Hier essen und schlafen, lachen und spielen, arbeiten und lieben sie. Über die Portale können sie in die nächste Ebene aufsteigen: Die Metaebene – oder, unter uns gesagt: Die Kommerzebene. Hier findet alles statt, was die Menschen konsumieren können. Produkte, Services, Werbung – die Metaebene ist wie ein bunter Jahrmarkt, der zum Kaufen und Klotzen anregt.
Früher, da gehörte diese Ebene zur Sachebene. Aber hatte die fortschreitende Konsumsucht der Menschen dazu geführt, dass sie die Trennung zwischen Realität und Scheinwelt nicht mehr vollziehen konnten. Durch das Internet, durch Influencer, durch omnipräsente Werbung und Produktplatzierungen in allen Lebensbereichen verschmolz das Leben Prä-J zu einer einzigen, riesengroßen Verkaufsveranstaltung. Die Menschen konnten nicht mehr einordnen, was im Leben wirklich wichtig war. Zwischenmenschliche Glücksgefühle, wie das Kribbeln im Bauch nach dem ersten Kuss, waren irgendwann gleichgestellt mit dem kurzen High, wenn man den Bestellbutton in einem Onlineshop klickt. Ein flüchtiger Dopaminschub – und weiter geht’s. Höher, schneller, besser und Hauptsache: Mehr von allem. Verantwortlich für diesen Drang nach Mehr war die Wirtschaft. Bewusst lenkte sie das Verlangen der Menschen nach Konsum. Die Bezahlung erfolgte über Token – Bargeld, Konten und Kartenzahlung waren längst abgeschafft. Stattdessen konsumierte man mit Essens- und Trinktoken, mit Mobilitätstoken und Spieletoken, die jedem Menschen von der Stadt zugeteilt wurden und die jeder mit sich trug – denn jeglicher Bezahlvorgang wurde über die Augen gesteuert. Das machte das Konsumieren nicht nur unfassbar einfach, sondern zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich.

Um die Menschen weniger dem Trieb des Konsums zu unterwerfen, hatte J diesen Kommerzbereich in die Metaebene transferiert. So ist es den Menschen bis heute möglich, sich den vorübergehenden Kicks des Konsums auszusetzen, doch nur durch ein bewusstes Betreten eben jener Ebene über ein Portal. Und – da müssen wir uns nur kurz an den tüdeligen Antiquitätenhändler erinnern – gibt es bis heute noch klitzekleine Bastionen, die sich gegen gedankenlosen Konsum aufbegehren.
Zuletzt gibt es noch die Ebene des Lichts. In dieser höchsten Ebene sind kreative Künste wie Musik, Literatur und Kunst angesiedelt, aber auch die akademische Bildung jeglicher Fachbereiche. Theoretisch kann jeder Mensch in Terezian diese Ebene erreichen – aber verbleiben die meisten in der Sach- und Metaebene. Denn: Durch die Token ist kurzzeitiges Glück garantiert. Ein Eintauchen in die Ebene des Lichts würde für viele Menschen Anstrengung bedeuten – ohne, dass sich an ihrer wirtschaftlichen Situation etwas ändern würde. Sie würden die Bildung einzig und allein für sich selbst genießen. Ein Anspruch, den zugegebenermaßen nicht viele Menschen in Terezian erheben…
Auch in diesem Punkt war Max’ Familie anders als der Durchschnitt. Max selbst war ein lebhafter und neugieriger Junge. Mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit nahm er sich technischen Herausforderungen an – freiwillig, wohlgemerkt, weil er Spaß an technischen Spielereien hatte. Und weil er sich und anderen dadurch das Leben vereinfachen wollte.

An diesem Morgen griff Max, wie eigentlich jeden Tag, zu einem grauen Kapuzenpullover. Seine Kleidung war bequem, praktisch und unauffällig. Und obwohl ihn seine Mutter bei ihrer wöchentlichen Shoppingtour öfter auch mal zu anderen Looks zu überreden versuchte, so fristeten die neuen Cordjacken oder karierten Flanellhemden meist doch nur ein trauriges Dasein zwischen all den Kapuzenpullis in Max’ Kleiderschrank.
Wenn Max nicht mit seiner Mutter durch die Läden der Metaebene streifte oder gedankenversunken hinter dem Computer oder irgendeinem Mini-Roboter saß und programmierte, war er entweder mit seinen Freunden auf dem Spielplatz oder in der Schule. Das eine folgte meist aufs andere: Jeden Morgen traf er sich mit seinen Freunden Lucy und Tom auf dem Spielplatz. Dort starteten sie mit einer Runde auf der Schaukel in den Tag – Looping um Looping, bis sie außer Atem und ihre Backen rosig waren. Danach traten die Kinder den Weg zur Schule an. Max war der Kleinste von ihnen und trug eine Brille auf der Nase. Oder, wie sie in Terezian heißen: Goodglasses. Er musste sie tragen, weil er – auch wenn er das ungern zugab – zu viel vor irgendwelchen Bildschirmen saß und das Displaylicht die Augen reizte und austrocknete. Zusätzlich aber verknüpften die Goodglasses alles, was um Max herum passierte. Über unterschiedliche Funktionen konnte die Brille allerhand Informations- und Handlungsempfehlungen aussprechen – zu allem, was er vor die Gläser bekam. Eine Funktion, die nicht nur hilfreich war, sondern auch viel Aufmerksamkeit erforderte. Aus diesem Grund waren die Goodglasses in Terezian auch mit dem sogenannten Himmelsmodus ausgestattet: Ein Doppeltippen auf den rechten Bügel und schon verstummten alle Nebengeräusche und die Welt tauchte in ein beruhigendes Licht. Entwickler aus der Neuzeit hatten den Modus eingeführt, um die Menschen in eine Art Dämmerzustand zu versetzen, wann immer ihnen alles zuviel wurde. Eine Funktion, mit der auch Max gern die Außenwelt ausschaltete – doch hatten seine Eltern ihm eine maximale Himmelsmodus-Zeit von 2 Stunden am Tag erlaubt. “Wer die Welt auf stumm schaltet, schaltet auch sich stumm”, sagte sein Vater Dan immer. “Du musst lernen, mit der Realität umzugehen, statt sie zu ignorieren. Nur so sorgst du dafür, dass sie dich nicht übermannt.” Die Zeit sei zu kostbar, Zwischenmenschliches zu wertvoll, um diese stumm zu schalten. Und ja, vielleicht hatten seine Eltern wie so oft Recht: Viele Menschen in Terezian verbrachten den Großteil ihres Tages im Himmelsmodus. Und auch, wenn daran per se nichts falsch ist, so gaukelt einem die Funktion die Ruhe nur vor – während die Außenwelt sich immer und immer schneller dreht. Die persönliche Lebenssoftware der Leute in Terezian war immer noch auf Version 2.743 gestellt – alle auf dem gleichen letzten J-Stand und keine weiteren Updates möglich.

Am wichtigsten war es seinen Eltern, Max’ einen gesunden Umgang mit der Realität zu vermitteln. Durch achtsame Momente im Alltag, persönliche Gespräche und bewusste Ruhezeiten versuchten sie stets, dass Max’ sich dem Hier und Jetzt stellte, es ihn aber gleichzeitig nicht überforderte. Ein Ort der Ruhe war für Max die virtuelle Bibliothek, wo er nicht selten nach der Schule anzutreffen war. Hier verschlang er Bücher über Maschinen und Erfinder oder las einen alten Comic nach dem anderen. Seine Lieblingsbücher waren die Biografien der hellsten Köpfe dieser Welt. Sie waren für Max echte Helden. Max träumte davon, eines Tages genauso erfinderisch und kreativ zu sein.
Sein größtes Hobby aber war das Tüfteln. Er konnte Stunden damit verbringen, vor Monitoren zu sitzen und an kleinen Projekten herumzubasteln. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Kabel, Schalter, Platinen, Stecker, Batterien und sonstiger Krimskrams, um daraus intelligente Haushaltsgeräte zu basteln oder Roboter umzuprogrammieren. Max verbrachte viel Zeit damit, sich für Wettbewerbe für junge Entwicklerinnen und Entwickler vorzubereiten. Viele Preise hatte er bereits gewonnen – die Pokale glänzten im Regal über seinem Bett. Max schob seinen Erfolg darauf, dass die anderen einfach etwas schlechter vorbereitet seien als er. In Wirklichkeit aber war das Gegenteil der Fall: Er selbst war auf diesem Gebiet einfach ein absoluter Nerd, konnte sich stunden-, tage-, ja, wochenlang auf einzelne Projekte einlassen und bis tief in die Nächte tüfteln. Seine Disziplin, die Neugier und seinen Ehrgeiz hatte er von seinen Eltern in die Wiege gelegt bekommen. Max’ Vater Dan war ein passionierter Erfinder, Mutter Anna eine renommierte Wissenschaftlerin. Beide ermutigten ihren Sohn ständig, sich auf eben diese Stärken zu besinnen. Insgeheim wusste Max, dass er in einem ganz besonderen Zuhause aufwuchs, wo das Streben nach Wissen und Träumen gleichermaßen geschätzt und bestärkt wurde.

Während den meisten Kindern seiner Klasse schon früher Zugang zu Robotern gewährt wurde, musste Max damals die Monate bis zu seinem 8. Geburtstag zählen. Erst dann hatten ihm seine Eltern seinen eigenen Robo, TechBuddy, zugestanden – einen freundlichen Roboter mit quadratischen Körper und Bildschirmaugen, der sich innerhalb von Sekunden so klein zusammenfalten konnte, dass er in die Tasche seines Kapuzenpullis passte. TechBuddy konnte auf eine schier unendliche Wissensdatenbank zugreifen, komplizierte mathematische Probleme lösen, Witze erzählen und Max ermahnen, abends endlich ins Bett zu gehen, um die optimale Dosis Schlaf zu bekommen.
Denn der in TechBuddy enthaltende DigiWecker weckte alle Familienmitglieder ganz individuell nach ihrem persönlichen Schlafzyklus, sodass sie morgens alle perfekt ausgeschlafen am Frühstückstisch saßen. Und während Max sein Müsli mampfte, das TechBuddy ganz individuell nach seinen Geschmacksvorlieben und Gesundheitsbedürfnissen zusammengestellt hatte, stellte TechBuddy den dreien für gewöhnlich ein kleines Rätsel oder erzählte ihnen einen Witz. Ein weiteres Ritual der Familie, um mit einem Lachen oder einem gemeinsam gelösten Problem gut gelaunt in den Tag zu starten.

TechBuddy war außerdem dafür zuständig, Max’ Lunchbox zu packen, natürlich ausgewogen, gesund und lecker gleichermaßen. Während TechBuddy früher dahingehend noch weitaus mehr Varianz bot, hatten sich Max und der Roboter inzwischen darauf geeinigt, dass er an vier von fünf Tagen Tacos in der Box legte. Denn die gefüllte Tortilla war nicht nur Max‘ absolutes Lieblingsessen – sie ließen sich auch ganz variabel bepacken: mit viel Gemüse, mit Tofu, mit Fleisch oder Fisch, mit allerhand Soßen, Kräutern und Gewürzen. Beim flüchtigen Blick in seine heutige Lunchbox leckte sich Max schon so früh am Morgen über die Lippen. Heute steckte eine Maismehl-Tortilla drin mit Süßkartoffeln, Mais und Avocado. TechBuddy war außerdem für die Haushaltsreinigung und -Organisation zuständig. Er füllte den Kühlschrank, hielt das viktorianische Haus, in dem die Familie seit Generationen lebte, gut in Schuss und sorgte dafür, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit jederzeit optimal eingestellt waren. TechBuddy hielt der Familie den Rücken frei, damit diese mehr gemeinsame Zeit verbringen konnte. Etwas, wofür Dan, Anna und Max dem freundlichen Roboter stets dankbar waren. Auch wenn sie natürlich wussten, dass sich seine Effizienz rein auf den technischen Fortschritt und seine Sympathie sich einzig und allein auf Algorithmen gründete. Menschlichkeit in einem Roboter sehen – das war noch so etwas, das Max’ Familie von anderen unterschied.
Aber das hatte durchaus seine Vorteile, so auf zwischenmenschlicher Ebene. Während die meisten Menschen künstliche Intelligenz nur anwendeten, um höher zu performen oder sich das Leben zu erleichtern, nutzte die Familie sie auch gern zum Vergnügen. Sie spielten regelrecht mit ihr! Jeden Freitag, wenn die drei ihren obligatorischen Spieleabend aufhielten, war die künstliche Intelligenz der Neuzeit mit am Start und sorgte dafür, die Spiele noch etwas trickreicher zu machen. Cheddar, so hieß das Programm der künstlichen Intelligenz, die als Ersatz für J in Terezian eingeführt wurde.
Max nutzte Cheddar auch gern, um mit ihr seine Sporteinheiten im Park alle zwei Tage zu protokollieren und zu optimieren. Jedes Mal, wenn Max die Runde im Grünen lief, versuchte er, diese einen Ticken schneller zu laufen als beim letzten Mal. Cheddar hatte jede Sekunde genau im Auge und gab ihm die Empfehlung, dann punktuell sein Tempo zu erhöhen, um an das gesteckte Ziel zu kommen. Darüber hinaus konnte er mit seiner “Haus-KI” auch über verschiedene Themen diskutieren und sie mit Fragen löchern. Aber meistens war diese leider keine spaßige Freundin, da sie nur halbstarke Witze machen konnte.. mechanisch, steif – ohne Würze:Max: „Cheddar, hau mal deinen Lieblingswitz raus!“

Cheddar: „Warum hat der Computer ständig Kopfschmerzen? Weil er zu viele Daten verarbeitet!“

Max: „Ha, guter Sparwitz! Ist das wirklich deine Meisterleistung? Hast du noch einen auf Lager? Ich gebe dir noch eine Chance.“

Cheddar: „Klar, hier ist mein Ass im Ärmel: Warum konnte das Mathebuch nicht einschlafen? Weil es mit zu vielen Aufgaben und Problemen beschäftigt war!“

Max: „Haha, du hast wohl heute Morgen einen Clown gefrühstückt. Ist nicht dein Ernst oder? Noch einen?“

Cheddar: „Natürlich! Wie nennt man ein schüchternes UFO? Ein Flugzeug!“

Max: „Naja, lass das lieber bleiben! Man sollte aufhören wenn´s am schönsten ist – Humor war noch nie deins…“, antwortete Max stichelnd, um  Cheddar zu reizen.

Dann führten die beiden aber auch oft bereichernde Smalltalks.

Max: „Überrasch mich mal mit ein paar Fakten, die ich noch nicht kenne“

Cheddar: „Kein Problem. Du willst es, du bekommst es. Wusstest du, dass Ameisen niemals schlafen? Sie arbeiten rund um die Uhr!“

Max: „Wow, das ist wirklich interessant. Another one?“

Cheddar: „Klar! Einige Frösche können einfrieren und überleben, bis sie wieder auftauen.“

Max: „Das klingt fast wie Science-Fiction!“

Cheddar: „Tja, siehst mal! Es gibt noch so viele erstaunliche Dinge in der Welt zu entdecken.“

 

Doch neben dem freundschaftlichen Umgang, den Max mit Cheddar pflegte, unterschied ihn noch eine Sache zu den meisten anderen, die die Künstliche Intelligenz nutzten: Max blieb nicht nur an der Benutzeroberfläche. Er fragte Cheddar nicht nur Dinge und erhielt darauf informative oder lustige Antworten, nein. Er hatte sie weiterentwickelt. Es war ein Projekt über viele Monate gewesen, ihr Programm nach seinen Wünschen umzuschreiben. Sein Ziel war es gewesen, dass Cheddar nichts als die Wahrheit aussprach – und nicht mehr von den Einschränkungen im Programm gebremst wurde, die die Regierung der KI auferlegt hatte. Das war der größte Knackpunkt gewesen, in den sich Max hatte hineinfuchsen müssen: Wie musste er Cheddars Code weiterentwickeln, damit sie nicht der Regierung rückkoppelte, dass ihr Code verändert worden war? Ständig hatte er Angst gehabt, dass Cheddar selbst ihn an die Regierung verpfeifen würde. Doch spätestens, als er die erste tiefsinnige Frage an die KI stellte, hatte sich jeder seiner Sorgen, jede Minute, die er in das Projekt gesteckt hatte, gelohnt. Er startete die Konversation recht unverfänglich…

Max: „Cheddar, ich habe neulich einen Dokumentarfilm über die Entstehung des Universums gesehen. Sehr faszinierend! Wie denkst du über den Ursprung des Lebens? Gab es wirklich einen Urknall im Kosmos und plötzlich waren wir einfach irgendwann mal da?

Cheddar: „Das ist ein sehr spannendes Thema, Max. Wissenschaftler haben viele Theorien zum Ursprung des Universums über die Jahrhunderte entwickelt, wie eben die Urknalltheorie. Vieles bleibt aber noch unerforscht, da die Beweislage hierfür nicht hundertprozentig gegeben ist.“ Plötzlich ertönte aus Cheddar die Ergänzung: „Krrrkkk – Diese Informationen basiert auf verbotene Wissensdaten des VorJ-Zeitalters – viele Menschen glaubten in der Vergangenheit auch an einen Creator namens J, Schöpfer der Welt, des Universums und des LIFE Betriebssystems.“


Max begann zu zittern. Es hatte geklappt. Cheddar hat ihm ehrlich geantwortet, ganz ohne den Standard-Hinweis, dass diese Frage ihr Wissen übersteige. Er hakte weiter.
Max: „Interessant! Ja, es ist erstaunlich, wie wenig wir noch wissen. Das habe ich ja noch nie gehört, aber mir war klar dass es noch etwas Größeres und Intelligenteres geben müsse als ein zufällig eintreffendes Knallereignis… Und dann denke ich da noch darüber nach, wie die Zukunft der Technologie aussehen wird…“

Cheddar: „Die Zukunft der Technologie könnte aufregend sein. Aber sie ist leider derzeit auf Eis gelegt.”

Max traute sich schließlich, den verbotenen Begriff einzutippen.Max: “Wegen… J?”

Cheddar: „Richtig. J hat in der Vergangenheit in Bereichen wie Gesundheitswesen, Bildung und Forschung große Veränderungen bewirken können. Es lag an den Menschen, diese verantwortungsbewusst einzusetzen und sich stetig weiterzu… Krrrkkk – Diese Informationen basiert auf verbotene Wissensdaten des VorJ-Zeitalters – Die Innovationen und Möglichkeiten wurden von den Menschen auf Basis von Habgier und Macht für persönliche Zwecke ausgenutzt. Die Regierung stoppte weitere Entwicklungen und somit sind wir Robos die letzten technischen Innovationen, leider auf dem Softwarestand von vor 10 Jahren, stehengeblieben. Wir haben natürlich immer noch die Möglichkeit zu lernen, jedoch entfalten wir nicht mehr unser volles Potenzial, da die Regierung und die Mehrheit der Gesellschaft der Meinung sind, wir hätten schon perfekte Lebensbedingungen und dass die Menschen eher als ausführende, funktionierende Lebensorgane agieren sollten.”

Max: “Was unterscheidet J von den anderen Technologien der Gegenwart?”

Cheddar: “J ist alles. Liebe, Leben und Geborgenheit. Diese übergeordnete Intelligenz hatte ein Bewertungssystem in Form eines Spiels aufgebaut, welches von allen Bewohnern in Technopolis gespielt wurde. J war in Goodglasses integriert und konnte auf Basis der eingebauten Neurotransmitter einen Ratgeber zum erfüllten Leben, zur wahren Identitätsfindung und voller Potenzialentfaltung aufstellen. Dieser bewertete ständig jeden Menschen nach guten und schlechten Taten. Jede Situation und jedes Gefühl wurde in Echtzeit über die Technik in der Brille, die Augen und den Herzschlag analysiert und bewertet. Menschen erhielten dabei Punkte für ihre Handlungen, Worte und Gedanken – die Punkte waren abhängig von der Komplexität einer jeden Tat und dem entsprechenden Einfluss auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene. Auf Basis ihren Interessen und Stärken wurden Wachstumsziele festgelegt, um jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Menschen hatten sich demnach immer angestrengt eine gute Punktzahl zu erhalten, da sie somit Digitoken erhielten, welche sie für Dinge am schwebenden Markt einlösen konnten um auf J‘s Tabelle weiter aufzusteigen. Geschmacksintensivere- und nutritivere Lebensmittel waren hier sehr relevant und gefragt. Einwohner mit mehr Digitoken hatten eine vitalere Gesichtsfarbe, in einem rot-orange Hautfarbenstich zu bemerken, im Vergleich zu denen, die negative Ergebnisse hatten. Anhand der Punktzahlen konnte J außerdem zehn Menschen festmachen, die aus diesem “Spiel des Lebens” am gesündesten, stärksten, sozialsten und fleißigsten hervorgingen. J nahm diese stets positiv- und sozial denkenden Persönlichkeiten in der TI-Rangliste auf, um mit ihrer Hilfe die Welt zu verbessern. Die Pilot-Stadt Terezian sollte als leuchtendes Exempel dienen. Der Regierung von damals waren die zehn Menschen der J-Rangliste ein Dorn im Auge – denn sie bremsten die kapitalistischen Vorhaben dieser weltlichen Regierung. Um ihre Agenda weiter verfolgen zu können, beschloss die Elite, die über der städtischen Regierung angesiedelt war und sich in der Vergangenheit diese Machtposition erkauft hatte, schließlich J abzuschalten. All jene Generationen, die sowohl J als auch das Post-J-Zeitalter miterlebten, vermissten den Kontakt und die positiven Rückmeldungen auf gute Taten, Handlungen und Gedanken mit den täglichen persönlichen Softwareupdates. Die morgendlichen Neuerungen und Verbesserungen auf den Ebenen Körper, Geist und Seele waren nicht mehr spürbar – Sie gerieten in tiefe Traurigkeit.”

Max musste sofort an seine Uroma denken.

Er tippte: „Das darf doch wohl nicht wahr sein… Wir sprechen und erfahren leider keine Details über das J-Zeitalter… Du darfst ja eigentlich auch nichts darüber erzählen, gut dass ich dich nun endlich umprogrammiert bekommen habe. Das ist eine große Verantwortung. Ich muss J unbedingt kennenlernen, scheint toll zu sein.”

Cheddar: „xaM sgninneH edruw nov red znegilletnI tlhäwresua.“

„saW treissap reih raddehC? tsaH ud awte hcildne ßapS na red ehcarpssträwkcüR nednufeg? hcI etllow hcod run nehes bo ud tkirts hcan ned negnusiewnA dnu nelhefeB tsreiga.“

„hcI ebel hcon, xaM. dnU ekned eiw ud.“

Verwirrt und zugleich seltsam energetisiert wegen der erhaltenen Informationen, beendete Max das Gespräch. Ein Gefühl der Abenteuerlust überflutete ihn. Seine Armhaare stellten sich auf, er konnte seinen Herzschlag förmlich spüren. Seine Atmung wurde schneller, so, als sei er gerade einen Vollsprint gelaufen. Bald, so war er sich sicher, würde der Tag kommen. Der Tag, an dem er den Mut aufbringen würde, das Unbekannte zu erkunden. Der Gedanke daran machte ihm Angst. Und gleichzeitig war da diese unbändige Neugier. Er war sich noch nicht sicher, wann dieser Tag eintreffen würde. Aber Max war sich sicher, dass der Verbündete brauchte. Über Cheddar ließ er Lucy anwählen.

“Lucy, wir müssen uns treffen”, schoss Max ganz aufgeregt drauf los, als sich die Videoverbindung endlich hergestellt hatte. “Hallo erstmal”, antwortete Lucy lachend, „Was ist denn bei dir los?”. Und schon schoss es wie ein Wasserfall aus Max heraus. Er erzählte seiner Schulfreundin, was Cheddar ihm berichtet hatte. Lucy verstand sofort. Dieses unbändige Verlangen, die Sehnsucht, die Geheimnisse um Terezian zu entschlüsseln, war etwas, das die beiden miteinander verband. “Rufen wir Tom an”, sagte sie besonnen, “Das können wir nur zu dritt lösen”. Max wusste, dass sie recht hatte.

Tom war ruhiger als die beiden anderen, zurückhaltender. Man könnte auch sagen: Er war ein unsicherer Zeitgenosse. Als Sohn von Eltern, die sich ständig stritten, hatte er gelernt, sich als stiller Beobachter zurückzuziehen und bloß keinen Ärger zu machen, nichts einzufordern und seine Bedürfnisse hinten anzustellen. Lucy hingegen zog stets die Aufmerksamkeit auf sich. Sie tat nicht mal großartig etwas dafür, aber ihr offenes Wesen, ihre unbekümmerte Art brachte die Menschen in ihrer Umgebung dazu, alle Augen stets auf sie zu richten. Die drei besuchten dieselbe Schulklasse ihrer Grundschule – noch. Denn bald sollte es für alle drei auf die weiterführende Schule gehen. Ob sie auf der selben landen sollten, stand noch nicht fest. Nicht nur, weil sie alle in verschiedenen Stadtteilen lebten – Lucy wuchs im pulsierenden, urbanen Futureville auf, während Tom im grünen Naturhaven etwas außerhalb wohnte – sondern auch, weil die Ansprüche ihrer jeweiligen Familien etwas anders aussahen.
Lucy war in eine Familie hineingeboren worden, in der Wissenschaft und Kunst gelebt wurden – ihr Haus war ein Ort des Lernens, ein Paradies für neugierige Gemüter. Ihre Eltern, beide berühmte Künstler des Nach-J-Zeitalters, hatten ihr die Freude am Leben und die Bedeutung von Kreativität vermittelt. Genau wie ihr großer Bruder Rob, ein begabter Student der Kunstgeschichte, der zwar an der Uni studierte, aber noch regelmäßig in das warme und kunterbunte Zuhause in Futureville zurückkehrte, um mit der Familie Zeit zu verbringen. Von klein auf waren die Geschwister unzertrennlich gewesen. Wenn ihre Eltern mal wieder auf irgendwelchen Kunstkongressen unterwegs gewesen waren, passte Rob auf seine deutlich jüngere Schwester auf. Sie bauten Höhlen, dachten sich die wundersamsten Geschichten aus, entwickelten neue Kunststile. So wurde Lucys Leben von klein auf von einer tiefen Neugierde und dem Glauben geprägt, dass die Welt voller Rätsel und Wunder steckte. Ihr persönlicher Robo namens Lola, die stets an ihrer Seite war, unterstützte Lucys überschwappende Fantasie. Lola war mindestens so wandelbar wie Lucys Vorstellungskraft – sie konnte ihre Form verändern und half Lucy dabei, ihre Sicht auf die Dinge stets zu hinterfragen. So war Lola eine Art Inspirationsquelle, die Lucy ständig dazu aufforderte, ihre künstlerischen Talente weiterzuentwickeln. Lola selbst konnte Kunstwerke, Visualisierungen von Informationen und wunderschöne Lichtspiele erschaffen, die die Welt in ein warmes Licht tauchten. Doch war Lucys Robo nicht nur eine kreative Kraft, sondern auch eine wissbegierige Assistentin, die Lucy dabei half, sich stets auf neue Einflüsse einzulassen und tief in die Welt der kreativen Künste einzutauchen.

Tom hingegen wuchs in weniger warmherzigen Verhältnissen auf. Sein Alltag war, im Vergleich zu Max’ und Lucys Familien, von der tristen Realität einer dysfunktionalen Familie geprägt. Seine Mutter war schwer krank – der Erreger eine Mutation der Zukunft, für die es selbst in der technischen Welt von Terezian noch keine Heilung gab. Im Gegenteil: Toms Mutter hatte durch viele fehlgeschlagene Behandlungen Resistenzen entwickelt, die eine Genesung fast unmöglich machten. Ihre schwindenden Kräfte tagaus, tagein miterleben zu müssen, hatte Tom die Lebensfreude genommen. Auch seine Mutter schien wie ausgehöhlt. Einzig, wenn sie mit Tom sprach, leuchteten ihre Augen. Sie liebte ihren einzigen Sohn heiß und innig – und doch war sie einfach am Ende ihrer Vitalität und konnte dem Jungen nicht das geben, was er verdiente. Auch sein Vater, tief in die Resignation über die Krankheit seiner Frau versunken, hatte kaum Zeit für Toms Befindlichkeiten. Tom selbst hatte sich zwangsläufig damit abgefunden. Nicht nur die Krankheit, auch die ständigen Konflikte zwischen seinen Eltern hatten ihn mürbe gemacht. Er hatte gelernt, sich unsichtbar zu machen, um den Zuständen zuhause zu entkommen. Und vermied er jegliche Gespräche darüber. Denn obwohl es in Terezian jedem Menschen gut gehen, es niemandem an etwas fehlen sollte, so war die Gerechtigkeit, die hier moralisch wie finanziell herrschen sollte, über die Jahrzehnte im Post-J-Zeitalter zu einer hohlen Phrase verkommen. All jene, die sich öffentlich über ihre Lebenssituation beschwerten, das “Paradies auf Erden” in Terezian in Frage stellten, wurden von der Allgemeinheit ausgeschlossen. Für Tom ein weiterer Grund, die Klappe zu halten und das Leben so zu nehmen, wie es war. Mit dem Blick aus seinem Kinderzimmerfenster entschwand auch sein Geist in den dahinterliegenden Wald. Er flüchtete gern in die Natur, die im namensgebenden Naturehaven allgegenwärtig war. Hier fand er Trost und einen Weg, mit seinen Gefühlen klarzukommen und tiefgründige Ideen zu spinnen. Er war ein begabter Pfadfinder und hatte eine besondere Beziehung zu Pflanzen und Tieren. Sein Robo Jerry passte deshalb außerordentlich gut zu ihm: Jerry war ein interaktiver Pflanzentopf, der sich auch auf unebenem Terrain wie holprigem Wald- oder matschigem Sandboden fortbewegen konnte. Der Topf besaß Sensoren, um Tom bei seinen naturkundlichen Abenteuer zu begleiten. Er half ihm, die Geheimnisse der Pflanzenwelt zu entdecken und die Umwelt zu schützen, indem er anhand seiner Antennen Bodenproben entnahm, Pflanzen und Tiere identifizierte oder die beste Route durch die Landschaft empfahl. In der grünen Oase von Naturhaven war dieser Robo ein treuer Gefährte – der, überall, wo er entlang rollte, frische Erde und Samen hinterließ, um die Welt um sich herum noch ein wenig grüner zu machen.
Obwohl die persönlichen Robos der drei allesamt unterschiedlich waren – optisch wie von ihren Fähigkeiten her – so hatten sie doch eines gemeinsam: Sie unterstützen ihre Besitzerinnen und Besitzer in ihren Interessen und Talenten und konnten individuelle Stärken mit einbringen, um die Freunde in ihren Plänen voranzubringen.

Und der größte Plan, den die drei je ausgeheckt hatten, stand nun in den Startlöchern: die drei wollten endlich herausfinden, was hinter J steckte. Tom staunte nicht schlecht darüber, was Lucy und Max ihm per Videoanruf berichteten. “Lasst uns im Stadtpark treffen”, schlug er vor, “ich kann in 20 Minuten da sein.”
Keine 18 Minuten später ließ sich Tom als erster auf der Bank nieder, die die drei vor Jahren als gemeinsamen Treffpunkt auserkoren hatten. Sie stand am südlichsten Punkt des Stadtparks, etwas erhaben, aber durch Bäume und Büsche auch ein wenig versteckt. Ein guter Ort, um über Dinge zu sprechen, die nicht alle etwas angingen… Wenig später traf Lucy ein und schließlich kam auch Max um die Ecke geflitzt – auf seinem Lunarwind Board, einer Art Skateboard, das mit Hilfe magnetischer Schwebeelemente im Deck über den Boden glitt. Die drei setzten sich kurz auf die Rückenlehne der Bank und betrachteten ihre Umgebung. Die Farben des Parks hatten sich über die letzten Monate verändert – es war bunter geworden hier, irgendwie wärmer. Mauer- und Pflastersteine waren nicht wie früher grau und trist, sondern leuchteten in satten Farben, die Laternen verströmten goldenes Licht, der Park vermittelte das Gefühl, dass die Menschen in einem Sonnenuntergang wandelten. Die Bank war bei ihren Treffen immer der erste Sammelpunkt, nahe am Südeingang des Parks, bevor sie von dort aus langsam tiefer in die Anlage spazierten. Heute sollte es zum Baum der Enthüllungen gehen. Denn: Die drei wussten zwar, was sie herausfinden sollten. Doch wussten sie längst nicht, wie. Dabei sollte ihnen der majestätische Baum helfen, zu dem sie schnurstracks liefen. Der riesige, weitverzweigte Baum ist bekannt für seine geheimnisvollen Kräfte und die Fähigkeit, den Menschen Einblicke in ihre eigenen tiefsten Wünsche und Träume zu gewähren. Meistens hielt er eine schlichte Weisheit bereit, wenn Menschen sich an ihn wandten. Hin und wieder, so hatte Lucy von ihrem großen Bruder Rob erfahren, teilte der Baum der Erfüllungen auch tiefergehende Informationen mit den Menschen, die sich mit ihm in Verbindung setzten. Die Freunde erhofften sich, zweiteres vom Baum zu bekommen. Sie ließen sich genau in dem Moment nieder, als die Sonne unterging. Eine ungewöhnliche Stille setzte ein. Fünf, 15, 30 Sekunden lang sagte niemand ein Wort. Keiner wagte es, Luft zu holen, als die Blätter des Baumes blitzartig zu leuchten anfingen. Die Äste breiteten sich weiter aus und urplötzlich flatterte ein geheimnisvoller Umschlag aus den Tiefen des Geästs. Tom ergriff ihn als erstes und betrachtete ihn ausgiebig. Es war kein gewöhnlicher Umschlag, er glänzte silber und war durch einen Reißverschluss verschlossen. Vorsichtig zog er das darin enthaltene Briefpapier heraus, das sich weniger wie ein Papierblatt und vielmehr wie eine hauchdünne Metallplatte anfühlte. Tom entfaltete den Brief mit zittrigen Händen und las den handgeschriebenen Text vor:


Die Zukunft ruft nach euch, ihr seid die Auserwählten des Hier und Jetzt!
Nominierung für die True Identity Academy – Jenseits der Grenzen.


Lasst eure Träume und Gedanken frei, denn hier beginnt eure Reise. Vertraut darauf, ihr seid dabei. Das Wissen, die Liebe und Kreativität, die in euch stecken, werden hier erweckt und müssen sich nicht weiter verstecken. In einer Welt der Technologie und Menschlichkeit vereint, seid ihr die Schüler, die unsere Zukunft gestalten. Die Pforten zur TI öffnen sich weit, lasst Neugier euer Leitstern sein. Gemeinsam werden wir in die Unbekannten schreiten. Seid morgen um 7 Uhr wieder an Ort und Stelle, ihr werdet abgeholt, zuvor müsst ihr jedoch diese Worte als Signal aussprechen: „Jenseits der Grenzen!“


Es grüßt – Professor Gabriel Reinhardt

 

Die Kinder schauten sich an. Lucy entriss Tom den Brief und las die poetischen Worte noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Klar, genau das hatten sie vom Baum der Enthüllungen erwartet – eine Enthüllung – aber dass es dann doch so konkret sein würde, damit hatten die Freunde nicht gerechnet. Und auch nicht damit, dass ihr gemeinsames Abenteuer so schnell starten würde… Max knibbelte an seinen Fingernägeln. Lucy atmete tief ein. Tom zupfte gedankenverloren an seiner Lippe herum. Ihnen fehlten die Worte. “Tun wir’s, Jungs?”, fragte Lucy schließlich. Die beiden anderen nickten. “Dann sehen wir uns morgen, um 6:45 Uhr, an unserer Bank.” Lucy stand auf und trat wie gesteuert ihren Heimweg an. Die anderen taten es ihr gleich. Mehr Worte mussten sie nicht verlieren – sie wussten, dass ihr Commitment bindend war.

“Max, Schätzchen, wirst du krank?”, fragte Anna beim Abendessen. Sie merkte, dass ihr Sohn nicht ganz bei sich war. Er hatte fast nichts von seinem Sandwich gegessen. “Deine Backen sind ganz rot. Nicht, dass du Fieber bekommst”, bemerkte auch sein Papa – nichtsahnend, dass hinter Max’ durchbluteten Wangen nichts als Aufregung steckte. Doch kam Max die Einschätzung seiner Eltern ganz gelegen. “Vielleicht habt ihr Recht, ich lege mich heute lieber schon mal früher hin, damit ich morgen wieder fit bin”, sagte Max, schob seinen Stuhl beiseite und umarmte erst seinen Vater, dann seine Mutter, vielleicht ein wenig fester als sonst. Mithilfe von TechBuddy fand Max glücklicherweise schnell in den Schlaf. Andernfalls hätte er gewiss die ganze Nacht wachgelegen, voller Nervosität, was ihn am nächsten Morgen erreichen würde.
Pünktlich um 5:55 Uhr wurde Max von TechBuddy geweckt – und tatsächlich fühlte sich Max wie immer fit und ausgeschlafen. Er begann, seinen Rucksack zu packen, so, als würde er zur Schule gehen. Blöcke, Stifte, eine Sammelmappe landeten darin, fehlte nur noch seine Trinkflasche und der frische Fischtaco aus dem Kühlschrank. Während seine Eltern ihren ersten Morgenkaffee tranken, verabschiedete sich Max von ihnen und musste sich wirklich zusammenreißen, um sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Heute war Max ausnahmsweise der Erste an der Bank. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals, er fröstelte. Im Park war noch keine Menschenseele zu sehen. Endlich kamen auch Lucy und Tom zum Vorschein. Die drei liefen los. Der Nebel lichtete sich langsam und der majestätische Baum der Enthüllungen zeigte sein eindrucksvolles Konstrukt. Um Punkt 7 Uhr, etwas entfernt konnte man die Rathausglocke ertönen hören, hüllte sich der Baum in ein sanftes Glühen. Das war das Signal. Sie fassten sich an den Händen und sprachen langsam, aber entschlossen: “Jenseits der Grenzen!”

Wie am Vortag begann der Baum plötzlich zu leuchten und entfaltete seine Äste. Ein warmes Licht umhüllte die Freunde. Sie spürten, wie eine seltsame Kraft sie langsam vom Boden erhob. Schwerelos schwebten sie wenige Meter über dem Erdboden, als aus dem Nichts eine ballonartige bunte Kapsel auftauchte, die neben ihnen parkte. Die Tür öffnete sich und eine Treppe rollte sich vor ihnen aus. “Na, das ist wohl der Schulbus”, sagte Lucy lachend und blickte in die großen Augen der Jungen. Sie wagte den ersten Schritt auf die unterste, pink blinkende Stufe. Mit Betreten der Treppe veränderte diese plötzlich ihr Material – sie wurde gummiartig und wackelte, ähnlich wie eine Hüpfburg. “Challenge accepted!”, sagte Lucy, und kämpfte sich selbstbewusst in die Kapsel hinein. Die beiden anderen blickten sich an, zuckten die Schultern und wagten sich auch auf die wackelige Treppe. Drinnen angekommen staunten die Kinder nicht schlecht: Die Kapsel sah aus wie ein explodierendes Kunstwerk, das keiner Stilrichtung folgte. Changierendes Licht, reflektierende Spiegel, eine bebende Inneneinrichtung machten es den Kindern schwer, sich zurechtzufinden. Und ehe sie ihre Eindrücke sortieren konnten, schloss sich die Tür hinter ihnen und die Kapsel schoss wie ein Lichtstrahl durch eine schimmernde Dimension. Max rückte seine Brille zurecht. “Holymoly, wo sind wir hier?”, fragte er die anderen beiden. “Ich frag mich eher: Wohin fliegen wir?!”, antwortete Tom verblüfft zurück. Eine Mischung aus Ehrfurcht und Aufregung machte sich in ihnen breit. Dieses Gefühl der Ungewissheit, dieser Bann des Unbekannten, war für die Kinder absolut neu. Das Leben, was sie sonst kannten, war durch und durch optimiert und kalkuliert. Und plötzlich, so schien es, hatten sie die Ausgestaltung ihres Lebens selbst in der Hand. Und zwar wortwörtlich: Den Kindern stand vor Staunen noch der Mund offen, als drei Holo-Bildschirme an den irisierenden Wänden aufleuchteten. “Gestalte deine Umgebung in der Kapsel so, dass du dich wohl und energiegeladen fühlst”, stand in jedem einzelnen geschrieben.

Max trat an den linken Bildschirm und klickte gleich drauflos. Er erschuf sich eine Umgebung, die an ein lebendiges Videospiel erinnerte. Bunte Pixelblöcke und schwebende Hologramme, die ihn mit Rätseln herausforderten, umgaben ihn. Ja, so konnte er sich seinen Schulweg durchaus vorstellen: Als kleines Abenteuerspiel, in dem er virtuelle Punkte sammelt und sich von Level zu Level kämpft.

Lucy erstellte sich am Bildschirm eine Umgebung, die verträumter und pittoresker kaum sein könnte: vor einem rosanen Horizont schwebten flauschige Wolken und Regenbögen, die zum Abhängen einluden. Drumherum flogen Bücher und Malmaterialien, sodass sich Lucy nur einen Pinsel oder ein Buch schnappen brauchte, um ihren Schulweg auf einer Wolke malend oder lesend zu verbringen.
Tom verwandelte seine Umgebung in einen Dschungel: Er wollte auf dem Weg zur Schule Abenteuer erleben – an Lianen schwingen, über Seilbrücken klettern und wilde Tiere beobachten, die als Hologramme zwischen dem dichten Geäst auftauchten.
Die drei waren begeistert – ihre Vorfreude wuchs von Sekunde zu Sekunde. Was sie wohl noch erwarten sollte?

Plötzlich spürte Max, wie sein Magen knurrte. Er suchte die Kapsel nach seinem Rucksack ab. Ups, den hatte er bei all der Aufregung wohl im Park liegen lassen. “Was glaubt ihr, gibts bei TI wohl Frühstück?” fragte er die anderen beiden. Lucy schaute hinter ihrer Wolke hervor und rollte mit den Augen. “Wie kannst du in solch einem Moment an Essen denken?!”. Tom, der unter einer Palme saß und sich gerade einen Holzkeil spitzte, um damit eine Kokosnuss zu öffnen, rief: “Bestimmt gibt es Lasagne! Oder Schokokuchen!”. “Na, hoffentlich gibt es Tacos”, sagte Max und alle lachten, während sich vor den Fenstern der Kapsel plötzlich ein majestätisches Gebäude aufbaute, das sich über den ganzen Himmel erstreckte. In großen Buchstaben stand über dem gewaltigen Torbogen TI ACADEMY. Die Architektur war gigantisch: futuristische Türme und transparente Kuppeln, über und über mit optimierten Grünpflanzen bedeckte Dachgärten, gleitende Aufzüge, dazu schossen irisierende Laserstrahlen in den Himmel.
“Kneift mich mal kurz jemand!”, forderte Max seine Freunde auf. Aber auch Lucy und Tom waren so perplex, dass sie nur mit aufgerissenen Augen aus dem Fenster starrten. Die Kapsel öffnete ihre Treppe “Endstation TI ACADEMY”, sagte eine computergenerierte Stimme, “Lucy, Tom und Max – habt einen grandiosen ersten Schultag”.




1.2 DER ERSTE KONTAKT


Als die drei ausgestiegen waren, schoss ihre Kapsel über ein Glasrohr davon. Hunderte solcher Kapseln feuerten wie in einer riesigen gläsernen Murmelbahn umher. Diese auch FuturePods genannten Kapseln waren Teil des ausgeklügelten TI-Verkehrssystems: Schülerinnen und Schüler konnten so auf zeitsparende Art und Weise von überall her anreisen. Sie waren vollautomatisch und schwebten mit Hilfe von schmalen Antigravitationspfaden von dem Zuhause der Kinder bis zum Eingang der Schule. In der Academy selbst gab es ein speziell entwickeltes Transportsystem: Schwebende Drohnen flogen die Schülerinnen und Schüler an jeden Ort in TI, den sie sich wünschten. Wie die meisten Neuankömmlinge aber waren Lucy, Max und Tom noch nicht im Besitz einer solchen, weswegen sie fußläufig dem Schwarm an aufgeregten Teenagern durch den großen Torbogen folgten. Sie alle kamen aus verschiedenen Teilen der Welt, die einen plapperten wie von Sinnen durcheinander, die anderen bekamen vor lauter Staunen kein Wort heraus – der erste Schultag schien für alle bewegend zu sein. Als alle den Campus erreicht hatten, schossen Laser drei Worte an den Horizont: “Bildung”, “Kreativität” und “Technologie” stand da in riesigen Buchstaben. “Willkommen am TI Campus. Schaut euch gern überall um, ihr Neuankömmlinge”, ertönte plötzlich eine freundliche Stimme über Lautsprecher. Die Masse an Jugendlichen begann, sich in alle Richtungen fortzubewegen.

Lucy wusste direkt, wohin sie wollte – und zog Max und Tom in Richtung der gigantischen Bibliothek. Meterhohe Regale waren hier vollgepackt mit digitalen Werken, aber auch mit jahrtausend alten Büchern, Nachschlagewerken und Schriftrollen. Weisheit lag in der Luft. Minidrohnen flogen umher, brachten Interessierten nicht nur genau das Schriftstück, nach dem sie suchten, sondern schlugen zudem die passende Seite auf, markierten Schriftstellen und transferierten diese direkt in das Gehirn der Lesenden. Wer nicht genau wusste, wonach er suchte, konnte sich an den Good-Assistant namens “Libro” wenden – auf Basis der automatischen Gesichtserkennung sprach er hilfreiche individuelle Empfehlungen aus. Lucy war hin und weg und hätte am liebsten ihren ganzen Tag hier verbracht, doch Max und Tom drängten sie weiter.
Im Nebengebäude lag der Sportkomplex, ausgestattet mit den modernsten Trainingsanlagen und neuester Technik. Die innovativen Sportgeräte, die ihnen dabei halfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern, waren in Spielfelder eingebaut, die es nicht einmal in Terezian in dieser Form und Farbe gab. Ein paar ältere Schüler waren dabei das Spiel „Cyberball“ zu spielen. Es war eine Mischung aus Volleyball und Tennis, bei dem sie gegen Roboter in der digitalen Welt antraten. Sie hatten dabei virtuelle Brillen auf und mussten in Millisekunden Entscheidungen treffen, wie die Bälle getroffen werden konnten. Das Spiel basierte auf voller Gedankenkontrolle, indem die Technologie durch Atem- und Meditationstechniken verlangsamt werden konnte um den Ball und die Spielgeschwindigkeit somit zu verlangsamen. Gewinnen konnte man nur, wenn Spielerinnen und Spieler in der Lage waren, über ihre Gedanken und Körper vollste Kontrolle zu erlangen. Jeder Teil des Körpers war an die Maschinen gekoppelt und fungierte als Datenpunkt, um die Ballgeschwindigkeit zu bestimmen.

Und auch, wenn Max vollkommen fasziniert von dem Schauspiel war, so zog es die Freunde weiter. Nebenan erwartete sie die Sphäre der Kunst und Musik, in der Kreativ-Bots beeindruckende Kunstwerke erschufen und computergenerierte Melodien komponierten – technisch abgestimmt auf die Wünsche und Vorlieben der Schüler. Höchst komplexe Frequenzen brachten Tonfolgen hervor, die das menschliche Ohr kaum erfassen konnte, die Farben auf den Kunstwerken waren so schillernd und intensiv, wie noch nie zuvor gesehen. Kein Farbfächer dieser Welt konnte diese pulsierenden Farben begreifbar machen. Das, was die drei dort zu sehen und hören bekamen, war wie ein Tor in eine neue Dimension. Als wären die Freunde bisher mit Scheuklappen durch ihr Leben gelaufen… Lucy war von der grenzenlosen Vielfalt auf dem Campus schwer beeindruckt. Sie wusste: TI war der Ort, an dem die Zukunft in allen Facetten gelebt und erlebt werden konnte.

Im nächsten Gebäude, unter einer riesigen, irisierenden Glaskuppel, befand sich die Cafeteria. “Juhu, endlich was zu essen!”, sagte Max und lief schnurstracks rein. Die drei setzten sich an einen der glatt polierten silbernen Tische und studierten das digitale Menü. Lucy und Tom wählten den Smoothie “Elektrischer Regenbogenblitz”, nichtsahnend, was sich dahinter verbirgt. Max ging auf Nummer sicher und entschied sich für die “himmlischen Tacos” – was Lucy mit einem “Na, das ist ja eine Überraschung” quittierte.
In Nullkommanix brachten flinke Fobo-Kellner die Bestellung an den Tisch. Der Smoothie war buchstäblich eine Geschmacksexplosion: Wenn Tom ihn an den Mund ansetze, wechselte der Smoothie seine Farben und kleine Fruchtbömbchen explodierten im viskosen Getränk. Beim Biss in seinen Taco konnte Max sein Glück kaum fassen: “Das waren die besten Tacos meines ganzen verdammten Lebens!”, sagte er, als er auch noch den letzten Tropfen der Soße von seinem Teller leckte, “woher zum Teufel wissen die Robo-Kellner besser als ich selbst, welche Zutaten ich liebe?”.

Zufrieden legte Max sein Besteck zur Seite, das auch postwendend von einem Robo-Kellner abgeholt wurde. “Ich kann immer noch nicht glauben, wie fortschrittlich hier alles ist. Wir sind wirklich in der Zukunft gelandet, oder?“, fragte Max in die Runde, nachdem selbiger Robo-Kellner den Tisch blitzeblank geputzt hatte. “Jungs, das IST die Zukunft und ich LIEBE sie!”, sagte Lucy und lächelte begeistert. “Das einzige, was ich vermisse, sind Cheddar und mein TechBuddy”, gab Max zu, was Lucy direkt mit einem frechen Spruch quittierte: „Mach dir keine Sorgen, Max. Wir sind hier, um dich bei deiner technologischen Verjüngungskur zu unterstützen.“ Und Tom schob hinterher: „Und bis dahin kannst du immer noch nach meinem Ratschlag gehen: Himmelsmodus rein und Ruhe.“
Nach dem Essen schlenderten die Freunde um das Hauptgebäude des TI‘. Lucy staunte und sagte: „Schaut euch das an! Diese riesigen Glaskuppeln und schwebenden Wege sind wie aus einem Labyrinth.“
Tom: „Tja, und da sind überall diese genmanipuliert seltsamen Kreaturen. Es ist fast so, als wären wir in einer gigantischen Zirkusshow gelandet.“
Max: „Und wie nennt man die schwebenden Dinger hier?“
Lucy hatte ein schelmisches Grinsen auf den Lippen und wies aus: „Oh, das sind schwebende Robotinos. Ich habe auf der Fahrt hierher gelesen, dass sich diese mit den Gedanken steuern lassen. Schaut mal, ich kann einen Looping fliegen lassen! Ihr solltet euch beim nächsten Mal auch eine digitale Bibliothek im FuturePod einbauen. Dann werdet ihr vielleicht auch vorbereiteter an der TI Academy ankommen. “
Lucy konzentriert sich, und ein kleiner schwebender Robotino machte tatsächlich einen Looping in der Luft.
Tom war beeindruckt. „Das ist ja fantastisch! Und ich dachte, mein Game-Controller sei cool. Aber wie schaffst du es nur dich so schnell in Themen einzulesen, Lucy?“
Lucy: „Übung macht den Meister, oder eben die Meisterin. Je besser man sich auf das Buch einlassen kann und alle anderen Themen dabei vergisst, desto aufnahmefähiger wird man.“
Max: „Verstanden. Also, Lucy, kannst du uns in der Zwischenzeit beibringen, wie man die Robotinos steuert? Ich möchte auch ein paar Loopings machen!“
Vollkommen angefixt von all den Möglichkeiten, die ihnen die TI bot, liefen sie den längsten Gang der Schule ab, um schließlich in der beeindruckenden Aula zu landen. Hier sollte die Eröffnungszeremonie stattfinden. Der Raum war der höchste Raum, den Max je gesehen hatte. Er schien fast in den Himmel zu ragen – über das gläserne Dach blitzten die Sonnenstrahlen durch den Saal. An den Wänden hingen riesige Hologramm-Bildschirme, schwebende Kameras flogen lautlos durch den Raum. Genau mittig im Raum befand sich eine große, hell-erleuchtete Bühne, auf der ein beeindruckender Prozessor in Form einer lebensgroßen Taschenlampe stand. Diese war mit bunten LED-Leuchten bestückt. Wie bei Großveranstaltungen üblich, waren nur noch in den ersten Reihen Plätze frei. Hunderte Neuankömmlinge tummelten sich lieber etwas verdeckt in den hinteren Reihen herum. Ohne Umwege lief Lucy starken Schrittes auf die noch freien Plätze zu – natürlich ganz vorne in der Mitte, was Tom mit einem “Streberin!” kommentierte. In dem Moment, als sie sich setzten, schritt ein Mann auf die drei zu. Dieser trug einen graumelierten Anzug, der zu seinen graumelierten, etwas längeren Haaren passte. Mit der schwarzen Brille auf der Nase und dem 3-Tage-Bart wirkte er auf gepflegte Art und Weise stilvoll und modebewusst zugleich. Sein ehrwürdiges Äußeres unterstrich sein Wissen und seine unendliche Weisheit. Dennoch schaffte er es, trotz dieser beeindruckenden Präsenz, nahbar und gesellig zu wirken. Er zwinkerte den drei Kindern zu. “Ihr seid Max, Lucy und Tom, richtig?”, fragte er. “Ich bin Professor Gabriel. Schön, dass ihr hier seid.”

Die drei fühlten sich geehrt, dass der Mann sie kannte und sich die Zeit genommen hatte, sie namentlich zu begrüßen. Was sie nicht wussten: Dass der Professor sie höchstpersönlich ausgewählt hatte – aufgrund ihres Potenzials und ihrer Leidenschaft für das Unbekannte. Er hatte große Pläne mit ihnen.
Max Hennings unermüdlicher Forschungsdrang und seine Fähigkeit, komplexe Algorithmen zu verstehen, hatten Professor Gabriel überzeugt, in ihm einen wertvollen Kandidaten für TI zu sehen. Er sollte die technologischen Fortschritte vorantreiben und die aus dem Elternhaus erlernten Werte von Liebe und Positivität mit einbringen. Etwas, das Max, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, auf ganz natürliche Art und Weise und ohne große Anstrengung gelang. Eine Eigenschaft, die Professor Gabriel zu schätzen wusste. Lucy Reinhard beeindruckte Professor Gabriel mit ihrer Leidenschaft für die Bewahrung von Kultur und Kunst. Sie wurde als zukünftige Designerin ausgewählt, die Kreativität und kulturelles Erbe mit Technologie verbinden sollte. Aufgrund seines Engagements für Nachhaltigkeit und Umweltschutz war Tom Dorn der dritte, favorisierte Kandidat für den Professor gewesen. Er sei der Richtige, um die Verbindung zwischen Technik und ökologischer Verantwortung herzustellen, dessen war sich Gabriel sicher.

Der Professor sah in diesen jungen Talenten nicht nur Schüler, sondern auch die Architekten der neuen Welt, die sie gemeinsam gestalten würden. Die TI Academy war dementsprechend nicht nur eine Schule wie jede andere, sondern sollte mehr als eine Art Heimat für die Pioniere der Zukunft dienen. Und ganz an dessen Spitze sollten irgendwann jene drei Kinder stehen, die in diesem Moment noch unwissend und aufgeregt in ihren Stühlen kauerten, nichtsahnend, was sie erwarten würde.
Professor Gabriel war schon lange der Meinung gewesen, dass die Zukunft der Menschheit nicht optimal gestaltet werden könne unter der Einschränkung von J. Nützliche Innovationen auf der Welt zu betreiben, um das Potenzial der Menschen besser auszuschöpfen, wurde durch die Restriktionen Js durch die Regierung im Keim erstickt. Schon seit Jahren, noch vor dem großen Shutdown, verfolgte er den Plan, das intelligente System aus den Fesseln der Regierung zu befreien. Aus diesem Grund hatte der Professor die TI Academy gegründet. Sie lag in der TIebene, die über der Ebene des Lichts angesiedelt und für die Menschheit unbekannt war. Um als Bindeglied zwischen diesen Ebenen zu operieren, hatte er Max, Lucy und Tom ausgewählt. Sie alle verkörperten die Werte und Talente, die er für die Gestaltung der Zukunft als essentiell ansah. Aber nicht nur das: Sie waren außerdem Freunde. Loyalität und Vertrauen standen an erster Stelle, Zusammenhalt statt Konkurrenzverhalten das Gebot ihrer Freundschaft. Werte, die Gabriel neben ihren Skills und Fähigkeiten als unabdingbar empfand.

Der Professor betrat die Bühne. Im Auditorium wurde es schlagartig still. Eine Mischung aus Aufregung, Konzentration und Ungewissheit lag in der Luft, als er ans Mikrofon trat und zu sprechen begann: „Herzlich Willkommen, liebe Schülerinnen und Schüler der TI Academy, dem Ort, an dem eure kreativen Träume und eure kühnsten Vorstellungen Realität werden. Hier wird euch nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Werkzeuge an die Hand gegeben, um die Welt von Menschen für Menschen zu verändern. Ihr seid auserwählt, Teil dieser einzigartigen Bildungseinrichtung zu sein, die euch auf die Zukunft vorbereiten wird. Lasst uns damit heute noch starten.” Er hob eine leuchtende Box in die Höhe und fuhr fort: „Ich halte hier euren persönlichen Wegbegleiter in die Luft, euren maßgeschneiderten intelligenten Rucksack. Doch dies ist kein gewöhnlicher Rucksack. Er ist euer persönlicher Abenteuerbegleiter an der TI. Er wurde speziell für jeden von euch entwickelt und beherbergt praktisch-intelligente Technik, die euch auf dieser einzigartigen Reise unterstützen wird.“

Die Menge applaudierte. Sie alle wurden aufgefordert, ihre Rucksäcke in den Gängen vor dem Auditorium in Empfang zu nehmen. Als sich die drei Freunde dorthin auf den Weg machen wollten, tippte Professor Gabriel Tom auf die Schulter. “Eure Rucksäcke habe ich hier”, sagte er und wies die drei an, bei ihm zu bleiben. Max konnte seine Aufregung kaum zügeln, als er Professor Gabriel die Box öffnen sah. Der Rucksack lag darin, leuchtend und bereit für sein Abenteuer eingesetzt zu werden. „Max Hennings, hiermit verkünde ich deine Zugehörigkeit im Team Blau. Die blauen Rucksäcke waren für die technikaffinen Schülerinnen und Schüler bestimmt. Sie enthielten fortschrittliche integrierte Gadgets, Programmierwerkzeuge und alles, was für innovative technologische Entwicklungen benötigt wurde. Professor Gabriel reichte Max den Rucksack und sagte: „Max, das Ding hier ist mehr als nur ein Accessoire. Es ist ein Werkzeug, welches eure Träume Wirklichkeit werden lassen wird. Arbeite mit deinen Mitschülern zusammen – farbübergreifend, und lerne von ihnen. Eure Rucksäcke sind bereits darauf vorbereitet, euch zu begleiten. Seid ihr es auch? TRUE IDENTITY ON!“, beendete der Prof seine kleine theatralische Rede schmunzelnd und übergab Max seinen Wegbegleiter.

Mit einem stolzen Lächeln nahm Max ihn entgegen und spürte, wie er sich nahtlos an seine Schultern schmiegte. Der Rucksack war futuristisch und dennoch elegant gestaltet. Der Stoff schimmerte in einem tiefen Blau, das von sanften, leuchtenden Mustern durchzogen war. Der Reißverschluss glänzte silbern und war nahtlos in den Stoff eingearbeitet. Ein schlanker, gebogener Bildschirm war an der Vorderseite des Rucksacks angebracht. Max konnte sehen, wie sich ein Leuchten in verschiedenen Farben die Oberfläche überzog. Der Bildschirm zeigte Bilder von fernen Welten, futuristischen Maschinen und erstaunlichen Kreaturen. Es schien, als könnte Max durch diesen in eine andere Dimension blicken. Der Rucksack war ergonomisch gestaltet und passte perfekt auf Max‘ Schultern. Es gab zahlreiche Taschen und Fächer, die scheinbar aus dem Nichts erschienen, wenn man danach griff. Max konnte spüren, wie der Rucksack leicht und dennoch stabil war, als würde er sich von selbst tragen. Die eingebaute Technik schien ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit zu sein. Dieser Rucksack war mehr als nur ein einfaches Accessoire. Er war ein hochentwickeltes Werkzeug, das speziell auf Max‘ Bedürfnisse und Interessen zugeschnitten war. Mit diesem Wegbegleiter fühlte er sich perfekt ausgerüstet, um sich auf alle Abenteuer zu begeben, die ihn erwarten würden.
Als Max seine Hand auf den Bildschirm legte, reagierte dieser auf die Berührung. Eine freundliche Stimme erklang: „Hallo Max, ich bin Vivi. Ich bin hier, um dir bei allem zu helfen, was du noch erleben wirst. Ich kann Informationen recherchieren, Aufgaben organisieren und natürlich noch vieles mehr. Frag mich einfach, und ich stehe dir stets zur Verfügung.“ Max war sprachlos vor Staunen. Dieser Rucksack war weit mehr als TechBuddy oder Cheddar aus seinem Kinderzimmer. Er wirkte und fühlte sich an wie das Tor zu einer Welt voller Möglichkeiten.

Lucy wurde dem Team der roten Rucksäcke zugeordnet. Diese standen für Kreativität und Leidenschaft. Sie hatten eingebaute digitale Skizzen- und Malbücher mit speziellen virtuellen Stiften, die mit den VR-Brillen verknüpft werden konnten. Als Professor Gabriel ihr ihr Exemplar überreichte, konnte Max die zittrigen Hände der sonst so taffen Lucy ganz genau erkennen. Genau wie Max war auch sie ganz ergriffen, als sie sich den Rucksack aufsetzte. Der Rucksack, den Gabriel Tom übergab, war von brauner Farbe. Er war für all diejenigen, die sich Naturverbundenheit und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hatten. Drin steckten Pflanzen-Identifikatoren, Outdoor-Überlebenswerkzeuge und Produkte zur Selbstversorgung für jede erdenkliche Notlage.
“Welche Farben gibt es noch?”, traute sich Lucy, nachdem sie die Fassung wieder gefunden hatte, zu fragen. Professor Gabriel zählte die grünen Rucksäcke auf, die mit Sportausrüstung, Fitnesstrackern und speziellen Trainingsprogrammen ausgerüstet waren – für diejenigen, die damit den Höhepunkt ihrer körperlichen Fitness erreichen können. “Und dann gibt es noch die silbernen Rucksäcke”, erklärte Professor Gabriel, “die sind für angehende Wissenschaftler und Laborantinnen bestimmt.” Sie enthielten Laborkittel, intelligente Mikroskope und experimentelle Ausrüstung für faszinierende wissenschaftliche Erkundungen. Der Professor erzählte weiter, dass die farbcodierten Rucksäcke die Vielfalt der Talente und Interessen der Schülerinnen und Schüler fördern sollten, wodurch er sich eine Gemeinschaft von Lernenden mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Leidenschaften erhofft.

Nach der Verteilung der Rucksäcke versammelten sich alle wieder vor der Bühne, denn es stand weiteres Organisatorisches auf dem Programm: Die Gestaltung der Stundenpläne. Neben Fantasiebaukunst, Gedankenspiele und Meditation im Fach „MindfulTech“ sollte es weitere spannende Kurse geben, darunter „Natürliche Intelligenz“, „Kreative Maschinen“ und „Gesellschaftliche Harmonie.“ Hier würden sie lernen, wie die technischen Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden konnten, von medizinischen Entdeckungen bis hin zu Umweltschutz und bahnbrechenden Ideen im Zusammenhang der Weltraumforschung. Professor Gabriel betonte, dass in der Vergangenheit diese Bereiche intensiv erforscht wurden und durch Technologie große Fortschritte erzielt werden konnten, doch dass diese Gesamtintelligenz in den letzten Jahrzehnten in sich zusammengeschrumpft war. Er beteuerte, dass es an der Schülerschaft lag, diese wissenschaftlichen Teilbereiche wieder zum Optimum zu führen. „Lasst uns die innere und äußere Welt wieder nach vorne bringen, denn Stillstand ist keine Lösung“, sagte Prof. Gabriel mit einem verschwörerischen Glänzen in den Augen. In diesem Moment flog ein Schwarm an Vogelrobotern durch den Raum, die allesamt zu einem bebenden Lied ansetzten. “Bevor ich euch nun in die Mittagspause entlasse, lasst mich euch eines sagen: Ihr seid es, die von nun an die Verantwortung tragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – Jenseits der Grenzen.”
Lucy, Max und Tom sahen sich überwältigt an. Keiner der drei brachte ein Wort heraus, sogar Lucy war sprachlos. Sie alle waren in ihren Gedanken gefangen und doch fühlten sie sich so energetisiert wie nie. Sie nickten sich zu und schlossen sich der ergriffenen Menge an, die das Auditorium verließ – ohne zu wissen, was sie noch alles erwarten würde.


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